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Führung und das Social Intranet

Lange Zeit war das Intranet ein Werkzeug der Unternehmensleitung zur Führung von Mitarbeitern. Es handelte sich um Informationen durch die Unternehmensleitung und die verschiedenen Organisationseinheiten oder um Prozessanweisungen und Prozessdokumentationen. Das lag daran, dass das “Produktionsmittel” Intranet relativ teuer, zentralistisch ausgerichtet und schwer zu benutzen war. Zusätzlich ging es darum, eindeutige Verantwortlichkeiten im Unternehmen sowie stabile und klare Verhältnisse auch im Intranet zu gewährleisten und abzubilden.

Inzwischen ist die Technik wesentlich weiter und einfacher. Das “Produktionsmittel” Intranet soll den Mitarbeitern flexibles Kommunizieren und Handeln ermöglichen, um auf Änderungen der Umwelt schneller zu reagieren. Mitarbeiter müssen daher nicht nur miteinander kommunizieren sondern auch zusammen selbstständig Prioritäten und Aufgaben erkennen.

Führungskräfte können nicht einerseits von Mitarbeitern selbstständiges Kommunizieren und Handeln erwarten, und dies gleichzeitig durch streng hierarchiegeprägtes und unmittelbares Führen einengen.

Das Social Intranet erfordert spätestens jetzt von Führungskräften eine Abkehr von technokratischen oder sogar autokratischen Führungsstilen.

Führung

Führung ist generell sehr vielschichtig, wie der Haupteintrag in Wikipedia mit zahlreichen Einträgen zeigt. Bezogen auf letztendlich soziale Systeme wie Organisationen geht es darum, die Mitglieder der Organisation (oder des Unternehmens) so zu leiten, dass die Organisation ihre Ziele erreicht:

Der Ausdruck Führung bzw. dessen Verb führen trägt im Neuhochdeutschen die Bedeutung „leiten“, „die Richtung bestimmen“, „in Bewegung setzen“ und kommt in zahlreichen Wissenschaften vor. Speziell in den Sozialwissenschaften bezeichnet der Begriff planende, koordinierende und kontrollierende Tätigkeiten in Gruppen und Organisationen (engl. leadership).

Seite „Führung (Sozialwissenschaften)“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 19. Dezember 2013, 15:29 (Abgerufen: 4. August 2014, 12:25 UTC) ]

Im Wirtschaftskontext  ist Führung:

durch Interaktion vermittelte Ausrichtung des Handelns von Individuen und Gruppen auf die Verwirklichung vorgegebener Ziele; beinhaltet asymmetrische soziale Beziehungen der Über- und Unterordnung.

[ Gabler Wirtschaftslexikon ]

Ganz wesentliche Punkte der Führung in Unternehmen sind daher die Zielorientierung und die hierarchische Ordnung. Unternehmen in einer tayloristischen Welt können mit einer über Jahre hinweg relativ statischen Umwelt rechnen. Sie haben daher Experten, die sich mit dieser statischen Umwelt (in ihrem jeweiligen Gebiet) exzellent auskennen. Technokratische oder autokratische Führungsstile mit klaren Hierarchien sind in einem derartigen Umfeld eine effiziente Möglichkeit, die Zielerfüllung sicherzustellen. Auch richtungsorientierte Führungsstile (z.B. mit Managerial Grid) sind lediglich Variationen, um die Bedürfnisse des Mitarbeiters als Mensch zu berücksichtigen und gleichzeitig eine zentralistische Führung des Unternehmens zu gewährleisten.

Social Intranet

Passt ein Social Intranet in eine derartige klassische deterministische Unternehmenswelt? Oder anders gefragt: Kann ein Unternehmen weiterhin mit Führungsstilen aus einer klassischen deterministischen Unternehmenswelt führen, wenn es auf ein Social Intranet setzt? Je nach Definition des Social Intranet könnten in einem Unternehmen auf den ersten Blick auch dann noch klassische Führungsstile zum Einsatz kommen.

Eine Social Software im Intranet (Social Intranet) könnte beispielsweise als ein weiteres Werkzeug gesehen werden, um neue Prozesse zu schaffen:

Der Einsatz von unternehmenseigener Social Software dient dabei vor allem der Schaffung dialogischer, transparenter und inklusiver Prozesse, die eine Organisations- und Führungskultur ermöglichen, mit deren hilfe bisher verborgene Effizienz-, Wissens- und Innovationsressourcen zur Steigerung der unternehmensperformance nutzbar gemacht werden können.

[ Enterprise 2.0 – Social Software in Unternehmen, Social Media Fachgruppe im BVDW (2013) ]

Prozesse jedoch setzen vorbestimmte wiederholende Tätigkeiten in einem relativ stabilen Umfeld voraus. Dann ginge es nur darum, vorhandene Ressourcen zu aktivieren. Vereinfacht ausgedrückt, müsste nur ein Verantwortlicher definieren, wer wann auf einen Knopf drücken müsste, damit Ressourcen die Effizienz des Unternehmens steigern. Einer der Social Intranet-Pioniere, das Unternehmen ThoughtFarmer, definiert ein Social Intranet jedoch so:

An intranet where all employees can author content and connect easily

[ ThoughtFarmer Social Intranet Blog: What is a social intranet? The definitive explanation ]

Jeder Mitarbeiter kann einfach Inhalte erzeugen und sich mit anderen Mitarbeitern vernetzen. Das jedoch setzt voraus, dass diese Aktivitäten der Mitarbeiter nicht primär tayloristisch gesteuert (“geführt“) werden.

In ihrer Studie Einsatz und Potenziale von Social Business für ITK-Unternehmen beschreiben BITKOM und storymaker 2013 wie die Deutsche Telekom auf dem Weg zum Social Intranet ihr Telekom Social Network (TSN) sieht:

Das TSN soll die Basis bilden für ein Social Intranet der Deutschen Telekom. Dahinter steckt die Idee, möglichst viele Kommunikationsmaßnahmen des Managements künftig gleichberechtigt neben den Dialog der Mitarbeiter untereinander zu stellen. Dies bedeutet aber auch, sich an vielen Stellen zu verabschieden von zentral gesteuerten Content Management Systemen, zugunsten von selbst erstellten Management-Blogs, dem direkten Dialog mit den Mitarbeitern oder der Initiierung von Diskussionen, mit denen dann Kommunikationsziele erreicht werden sollen.

Hier spätestens wird klar, dass die Kommunikation der Mitarbeiter gleichberechtigt zur Kommunikation des Managements ist. Die Kommunikation der Mitarbeiter untereinander erfolgt zu einem hohen Grade netzwerkorientiert und basiert auf Werten wie Reputation, Relevanz oder fachliche Qualität. Mitarbeiter haben in einem Social Intranet ein hohes Maß an Autonomie:

Bei einem Social Intranet stehen, anders als bei einem herkömmlichen Intranet, die dynamische Wissensvermittlung und die gemeinsame kollaborative Zusammenarbeit im Vordergrund. In einem modernen Intranet werden Inhalte nicht (nur) zentral durch eine Redaktion zur Verfügung gestellt, sondern von Nutzern auch aktiv erstellt und mitgestaltet. […] Mitarbeiter können das Erscheinungsbild des Intranets nach ihren eigenen Interessen und Wünschen individuell gestalten. Sie können sich untereinander vernetzen, Blogbeiträge schreiben und sich aktiv in Wikis und Foren an der Firmenweiten Kommunikation beteiligen.

[ t3n: Was ist eigentlich ein Social Intranet? ]

Führung und Social Intranet

Die Führung im Unternehmen erfolgt letztendlich durch die Kommunikation der Führungskräfte. Wenn die Kommunikation unter Mitarbeitern als Kernmerkmal eines zentralen Kommunikations- und Arbeitsmittels des Unternehmens, des Social Intranets nämlich, akzeptiert ist, dann darf die Führung im Unternehmen nicht primär auf hierarchischer Kommunikation und auf konträren Prinzipien beruhen.

Führungskräfte sind selbst Mitglieder im Social Intranet und kommunizieren und vernetzen sich auch dort. Sie treten dort in einer Doppelrolle auf: Neben ihrer Funktion als Führungskraft sind sie auch “Mit-Arbeiter” in einem Netzwerk. Es wird in keinem Unternehmen funktionieren, dass das Social Intranet ein Intranet “nur für die Mitarbeiter” bleibt. Das Social Intranet ist die zentrale Plattform des Unternehmens für Kommunikation und Kollaboration.

Die Glaubwürdigkeit und die Authentizität der Führungskräfte und des Unternehmens hängen davon ab, dass es keine unterschiedlichen Führungsstile und kein unterschiedliches Kommunikationsverhalten je nach Medium oder Plattform gibt.

Führungsstile und Führungstechniken

Dies bedeutet, dass in Unternehmen zunehmend Führungsstile wie der kooperative Führungsstil oder die Dialogische Führung zum Einsatz kommen werden.

Die Kommunikation und die Kollaboration im Netzwerk zwischen den Mitarbeitern werden Wissen und Zusammenhänge zu Tage fördern, die für die Führung nicht in vollem Umfang vorhersehbar und planbar sind. Eine enge und direkte Führung würde solche Effekte sogar vermeiden – gerade sie jedoch sollen die Anpassungsfähigkeit des Unternehmens an Änderungen in der Umwelt erhöhen.

Das Social Intranet ist eine Auswirkung der Veränderungen in der Wirtschaftswelt und des Siegeszugs des digitalen Arbeitsplatzes. Es erfordert eine höhere Autonomie der Mitarbeiter und der Arbeitsgruppen. Führungskräfte müssen weit flexibler und womöglich auch ergebnisoffener führen, als dies bislang notwendig war.

Dabei können Unternehmen und Führungskräfte auf bereits bestehende Führungstechniken wie Management by Question oder Management by Delegation zurückgreifen oder auch “Führen mit Auftrag” nutzen. Sie sollten sich jedoch im Klaren sein, dass Mitarbeiter in einem Unternehmen mit einem Social Intranet in diesen Führungstechniken weit höhere Freiheitsgrade einfordern werden – und auch benötigen – als in einer sehr engen und strikten Auslegung. Möglicherweise wird ein Auftrag dann eben keiner einzelnen Person sondern einer Gruppe erteilt, die selbst über ihre Zusammensetzung entscheidet.

Mittelfristig sollten Unternehmen darüber nachdenken, wie sie sich neue Organisationsformen wie Wirearchy oder Holacracy zu Nutze machen können, um im globalen Wettbewerb zu bestehen.

 
Bildquelle: Konstantin Gastmann (goenz|com photography berlin) / pixelio.de

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Frank Hamm

Frank Hamm unterstützt Unternehmen als Berater bei der Optimierung ihrer Kommunikation und dem Aufbau zeitgemäßer Kollaborationsformen.